27.06.2017

Energiewende JETZT Innovation, Effizienz und Sozialverträglichkeit

Parlamentarischer Abend von DVGW und ASUE rückt Kernattribute einer erfolgreichen Energiewende in den Mittelpunkt

DVGW und ASUE appellierten am 22. Juni 2017 in Berlin – rund 100 Tage vor der Bundestagswahl – an die Verantwortlichen im Bundestag und in den Ministerien, die wesentlichen Attribute der Energiepolitik nicht aus den Augen zu verlieren. Die Energiewende muss in Verantwortung für das Klima, die Gesellschaft und die eingesetzten Ressourcen geplant und gesteuert werden. Sie bietet zugleich die Chance zur Umsetzung eines Änderungsprozesses, in dem Innovation, Effizienz und Sozialverträglichkeit in Einklang gebracht werden. Trotz der enormen finanziellen Beiträge, die von der Bevölkerung zu tragen sind, darf Deutschlands Einsatz für den Klimaschutz nicht zum Spielball der Politik im Wahlkampf werden.

In seinem Eröffnungs-Impuls mahnte ASUE-Präsident Dr. Ludwig Möhring an: „Um das in Paris verabschiedete 2°-Ziel zu erreichen, verbleiben uns nur noch wenige Jahre. Wir sollten uns weniger perfekte Szenarien für das Jahr 2050 überlegen, sondern konkret in die Umsetzung des Klimaschutzes einsteigen. Dabei ist die Ablösung von der kohlebasierten Stromerzeugung durch Gas ein Schritt, der weitere ist der Einsatz von Erdgas in der Mobilität, der dritte Schritt die Durchsetzung der technischen Sanierung im Wärmemarkt.“ In dem nachfolgenden, unter der fachkundigen Moderation der Wirtschaftsjournalistin Dr. Ursula Weidenfeld und der Beteiligung des DVGW engagiert geführten Diskurs erörterten Vertreter des Finanzministeriums, des Wirtschaftsministeriums Schleswig-Holstein, des Landes Niedersachsens die Kernattribute der Energiepolitik. Hier die wichtigsten Statements in Kürze:

Innovation

Die Energiewende kann sich nicht auf einem einzigen technologisch festgelegten Pfad abspielen – für neue Technologien und neue Geschäftsmodelle muss ausreichender Raum zur Verfügung stehen. „Der Treibhausgas-Reduktionspfad hin zu einer weitgehend klimaneutralen Gesellschaft im Jahr 2050 muss marktwirtschaftlich orientiert und technologieoffen angelegt sein. Die Nutzung von Gasen und Gasinfrastrukturen kann auch dort für signifikante Treibhausgasminderungen sorgen, wo rein elektrische Technologien und Lösungen nicht oder nur bedingt einsetzbar sind – etwa im Bereich der Mobilität“, untermauert Prof. Dr. Linke den Ansatz der Technologie-Offenheit.

Power-to-Gas als zentrale Technologie der Sektorenkopplung, die auch die Gasinfrastruktur mit einbezieht, ist in gleichem Umfang zu fördern wie Stromspeichertechnologien. Die technische Realisierbarkeit und heimische Wertschöpfung der innovativen Technologien sollten dabei stärker in den Fokus genommen werden. Der Einsatz von Kraft-Wärme-Kopplung zur hocheffizienten Rückverstromung unter Wärmeausnutzung garantiert Effizienzgewinne. Die Herstellung von Biomethan aus nachwachsenden Rohstoffen ist in verantwortlicher Weise zu unterstützen, nachhaltiger Energiepflanzenanbau ist in Deutschland Standard und weitere innovative Aufbereitungsverfahren befinden sich in der Entwicklung.

Effizienz

Auch wenn das langfristige Ziel der Energiewende in der weitgehenden Emissionsfreiheit aller Sektoren (Stromerzeugung, Wärmemarkt, Mobilität, Industrie) besteht, dürfen wir uns kurzfristig umsetzbaren Effizienzmaßnahmen nicht verschließen. Insbesondere wirtschaftliche CO2-Vermeidungsstrategien sind interessant, weil sie um ein Vielfaches häufiger angewendet werden können als kostenintensive Maßnahmen. Um „Lock-in-Effekte“ zu vermeiden, darf keinesfalls der Ausbau einer effizienten Infrastruktur und Energieanwendung verhindert werden.

Die Anwendung von Erdgas in der Stromerzeugung und im Wärmemarkt kann durch Kraft-Wärme-Kopplung effizient zusammengeführt werden. Hierzu bieten sich Anwendungstechniken für jede Größenordnung an.

Der Einsatz von elektrisch betriebenen Heizsystemen ist in der Gesamtrechnung kontraproduktiv zum Klimaschutz, solange nicht zu Zeiten größter Heizlast erneuerbarer Strom in ausreichender Menge garantiert werden kann.

Der Transport großer Energiemengen ist elektrisch weitaus verlustbehafteter als in Form von Gas. Direkte Stromspeichersysteme im größeren Maßstab existieren noch nicht einmal auf dem Papier. Auf der anderen Seite verfügt Deutschland über eine lückenlose Erdgasinfrastruktur mit Speichersystemen, die ebenfalls den saisonalen Ausgleich darstellen können. Aus Sicht von Michael Rüter, Landesvertretung Niedersachsen, ist die Nutzung der Erdgasinfrastruktur essenziell für das Gelingen der Energiewende. Niedersachsen verfüge als traditioneller Erdgas-Produzent über umfangreiche Erdgasspeicher. Kurt-Christoph von Knobelsdorff misst Power-to-Gas eine besondere Bedeutung zu, da diese Technologie erst den weiteren Ausbau der Erneuerbaren erlaube und Verluste durch Re-Dispatching oder Nicht-Integrierbarkeit von Strom vermeide.

Sozialverträglichkeit

Die Entwicklungen der Energiewende haben zurzeit den weitaus preisgünstigsten Abschnitt zurückgelegt. Erneuerbare Stromerzeuger – Windenergieanlagen – wurden an den ertragreichsten Standorten aufgebaut. Die erneuerbare Stromerzeugung wird in Zukunft die Grenze der finanziellen Belastbarkeit erreichen. Für 2017 liegen die erwarteten EEG-Umlagen bei 30 Mrd. €. Eine Umverteilung der EEG-Umlage darf nicht zu einer weiteren Verteuerung im Wärmemarkt führen, vielmehr sind die Kosten, die systematisch dem Energieträger Strom zuzuordnen sind, auch vom Strom zu bezahlen. Eine Verbesserung der Effizienz, insbesondere im Wärmemarkt durch die Forcierung der Erneuerung von Heizungsanlagen und dem Ausbau von KWK, bringt einen nachweisbaren und schnellen Erfolg für den Klimaschutz. Steuerliche Anreize zur Heizungserneuerung sollten erneut diskutiert werden. Hierzu seien nach Ansicht von Michael Meister, Staatssekretär im Finanzministerium, weitere Anreize zur Beschleunigung der Sanierungsquote dringend erforderlich; eine Erhöhung der Abgaben auf Öl und Gas sei aber nicht damit verbunden.

In der Mobilität ist die weitere Verbreitung von erdgasbetriebenen Fahrzeugen ein kurzfristig realisierbarer Beitrag zum Klimaschutz. Entsprechende Infrastrukturen sind bereits vorhanden und technisch erprobt.

Die Kosten der Energiewende müssen stets innerhalb der volkswirtschaftlichen Umsetzbarkeit und Akzeptanz der Bevölkerung verlaufen, ansonsten besteht die Gefahr, dass sich maßgebliche Gruppen gegen die Umsetzung der Energiewende entscheiden werden. Deutschland befindet sich in einer außergewöhnlich gesunden Phase der wirtschaftlichen Entwicklung, Klimaschutz muss dennoch nachhaltig – also auch langfristig finanzierbar – sein.

Ansprechpartner:

Dipl.-Ing. Jürgen Stefan Kukuk
Telefon: 0 30 / 22 19 13 49-0
E-Mail: kukuk@asue.de